Gesamtkapital
Kapital ist ein sich verwertender Wert: Der Unternehmer als subjektiver Träger des Werts schießt eine Wertgröße vor, mit dem Zweck, diese Wertgröße zu vermehren. Sein Kapital verzahnt sich wertmäßig und stofflich mit anderen Kapitalen. Als industrielles Kapital verwandelt es sich in Produktionsmittel und Arbeitskräfte, was zugleich bedeutet, dass Produktionsmittelverkäufer ihr Warenkapital in Geld verwandeln. Da die beschäftigten Lohnabhängigen Lebensmittel kaufen, ist das Kapital indirekt mit den Kapitalen der Konsumgüterindustrie verzahnt. Zugleich fließt freigesetzes Geld zur Bank, oder der Kreislauf des industriellen Kapitals vergrößert sich durch Kreditaufnahme. Das Kapital trägt zwei Gesichter: Es ist Einzelkapital und als solches ist es zugleich Teil eines Gesamtkapitals.
Die Volkswirtschaftslehre thematisiert in der mikroökonomischen Unternehmenstheorie das Einzelkapitel, wobei aber die Bestimmungen des Kapitals als Natureigenschaften von Menschen aufgefasst werden. Entsprechend ist das Kapital auf ein bloßes Instrument reduziert. Dem "homo-oeconomicus“ werden unter der Hand die modernen kapitalistischen Verhaltensweisen als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft unter geschoben. Soweit die Mikroökonomen die Gesamtheit der Kapitale überhaupt thematisieren, geschieht dies durch Addition von Individuen, genauer betrachtet durch Aggregation der entsprechenden individuellen Angebots- und Nachfragekurven. Sie machen sich keinerlei Gedanken über den Rahmen der Aggregation. Stillschweigend unterstellen sie die Staatsgrenzen als die ökonomischen Grenzen. Es kommt der Mikroökonomie nicht in den Sinn, über die ökonomischen Voraussetzungen der politischen Grenzziehung nachzudenken.
Die Makroökonomen gehen faktisch von der Volkswirtschaft aus, gliedern diese nach der Art der gehandelten Waren in Güter-, Geld- und Arbeitsmarkt bzw. nach Art der beteiligten „Wirtschaftssubjekte“, die aber im Unterschied zur Mikroökonomie nicht als isolierte Einzelwesen sondern immer als große Handlungseinheiten, als kollektive Subjekte auftreten. Es geht ihnen von vornherein um gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Aber auch sie setzen stillschweigend voraus, dass der Staatsraum den volkswirtschaftlichen Raum fixiert.
Ältere Theorien waren da weiter: Bereits die Physiokraten entdeckten die selbst gesteuerte Reproduktion des Gesamtkapitals. Das „Tableau Economique“ des französischen Physiokraten Francois Quesnay zeigt in wenigen Zahlen die Reproduktionsbewegung des Gesamtkapitals auf, ein „höchst genialer Einfall“, wie Marx diesen Versuch nannte, „unstreitig der genialste, dessen sich die politische Ökonomie bisher schuldig gemacht hat".
Einen Höhepunkt in der politischen Ökonomie der Gesamtkapitale markiert die Marxsche Kapitaltheorie. Tatsächlich hat Marx im zweiten Band des Kapitals en détail nachgewiesen, wie sich ein Gesamtkapital konstituiert, wie es die Reproduktion aller Klassen der modernen Gesellschaft einschließt.
Nachfolgend wird die Marxsche Reproduktionstheorie rekonstruiert. Die Frage, warum es eine Vielzahl von Gesamtkapitalen gibt, hat Marx nicht beantwortet. Das soll nun nachgeholt werden.
In dem Aufsatz von Guenther Sandleben, Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität und Individualität wurde eine erste Begründung für die Vielzahl der Nationalökonomien und Staaten geliefert. Eine Fortsetzung fand diese Analyse in dem Buch Nationalökonomie & Staat. Hier ist das Gesetz der Repulsion von Kapitalen unterschiedlicher Verwertung formuliert.
Mehr dazu:
Guenther Sandleben, Nationalökonomie & Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals, VSA-Verlag 2003
Sandleben, Guenther (1998): Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität, Individualität, in: Kalaschnikow, 2/98
Jetzt auch als Internetversion verfügbar: Drei Gesichter des Kapitals. Globalität, Nationalität, Individualität
Reproduktionstheorie.doc
Wirtschaftskreislauf.doc